An diesem Donnerstag um 11 Uhr läuft der sechste bundesweite Warntag - und erstmals endet er nicht mit einem stummen Piep, sondern mit einer flächendeckenden Entwarnung per Cell Broadcast. Rund 65 Millionen Mobiltelefone sollen zeitgleich einen lauten Probealarm auf dem Sperrbildschirm anzeigen, dazu heulen Sirenen, laufen Meldungen über Radio, Fernsehen, DAB+, Warn-Apps wie NINA, KATWARN und BIWAPP sowie über digitale Anzeigetafeln. Um 11.45 Uhr folgt die Entwarnung - erstmals ebenfalls direkt aufs Handy. Bis dahin konnte Cell Broadcast in Deutschland nur warnen, nicht Entwarnung geben.

Federführend ist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn, gemeinsam mit Ländern und Kommunen. Der Ablauf ist strikt getaktet: Um 11 Uhr löst das BBK über das modulare Warnsystem MoWaS die Probewarnung höchster Stufe aus, die parallel an alle angeschlossenen Multiplikatoren geht. Die Entwarnung um 11.45 Uhr wird eine niedrigere Alarmstufe nutzen, um Empfänger nicht ein zweites Mal mit maximaler Lautstärke aufzuschrecken. Bis zum 17. September können Bürgerinnen und Bürger dem BBK in einer Online-Umfrage rückmelden, welche Kanäle bei ihnen ankamen.

Die aktuelle Sicherheitslage zeigt uns, wie wichtig es ist, dass wir die Bevölkerung im Ernstfall schnell, verlässlich und flächendeckend erreichen können.
- Roman Poseck (CDU), Hessischer Innenminister, hessenschau

Cell Broadcast erreicht mehr Nutzer als jede App

Cell Broadcast ist seit Februar 2023 in Deutschland scharfgeschaltet und hat seither nach BBK-Angaben rund 700 Mal ausgelöst, unter anderem bei Waldbränden, Amoklagen und Sturmfluten. Der Vorteil gegenüber Apps: die Meldung erreicht jedes eingeschaltete Handy in einer Funkzelle, unabhängig davon, ob eine App installiert ist oder mobile Daten aktiv sind. Vodafone allein betreibt für den Regelbetrieb 28.000 Basisstationen. Zum Vergleich: die offizielle NINA-App zählt laut Bundesregierung rund 14 Millionen Downloads - die Cell-Broadcast-Reichweite liegt damit etwa fünfmal höher. Die Entwarnungs-Funktion war technisch bereits im November 2025 verfügbar, wurde aber bisher nur lokal genutzt.

Hinzu kommt in diesem Jahr der neue DAB+-Warnkanal ASA DE, der Digitalradios automatisch aufweckt, sofern die Geräte kompatibel und korrekt eingestellt sind. In Hessen sind laut Innenministerium 4.074 aktive Sirenen im Betrieb, davon 85 Prozent digital an das Modulare Warnsystem angeschlossen. Poseck nannte Sirenen im Hessischen Rundfunk „ein zuverlässiges Weckmedium, das rund um die Uhr Aufmerksamkeit erzeugen kann, auch wenn das Smartphone nicht in der Hand ist“.

Erinnerung an das Debakel von 2020 und die Ahrtal-Flut

Der Warntag hat eine Vorgeschichte, die den Ehrgeiz beim BBK erklärt. 2020, beim allerersten bundesweiten Test, kamen viele Warnungen mit bis zu 30 Minuten Verspätung an, teils gar nicht - Bundesinnenminister Horst Seehofer nannte den Tag damals „fehlgeschlagen“, BBK-Präsident Christoph Unger musste gehen. Ein Jahr später, im Juli 2021, starben im Ahrtal mindestens 135 Menschen, unter anderem weil Warnungen zu spät oder gar nicht durchdrangen. Seither wurde Cell Broadcast eingeführt, das Sirenennetz mit Bundesmitteln ausgebaut und MoWaS modernisiert. Der Warntag 2026 ist der bislang umfangreichste Belastungstest dieser Infrastruktur - mit Entwarnungsfunktion nun näher am Ernstfall-Szenario als je zuvor.

Kritik bleibt: In der vergangenen Legislaturperiode warfen Opposition und Fachverbände Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) vor, zu wenig Geld für Katastrophenschutz einzusetzen. Der Verband der Feuerwehren fordert seit Monaten ein festes Bund-Länder-Finanzierungsprogramm für kommunale Sirenennetze, das bislang nicht steht. Wer heute um 11 Uhr keinen Ton auf dem Handy hört oder keine Sirene, kann das dem BBK direkt melden - genau dafür ist der Tag konzipiert.