Am Montagnachmittag hat die Kölner Polizei am Braunkohlekraftwerk Weisweiler bei Eschweiler mehrere selbstgebaute Abschussvorrichtungen entdeckt und entschärft. Die Vorrichtungen lagen in unmittelbarer Nähe einer 380-Kilovolt-Freileitung, die den Kraftwerksstandort mit dem westdeutschen Übertragungsnetz verbindet. Die A4 zwischen Eschweiler-Ost und Langerwehe war rund zwei Stunden in beiden Richtungen komplett gesperrt und wurde erst kurz nach 19 Uhr wieder freigegeben, wie die Polizei Köln mitteilte.
Der Fund passt zu einer Serie, die die Sicherheitsbehörden seit dem Wochenende in mehreren Bundesländern beschäftigt. Nach Angaben der Ermittler versuchte der oder die Täter, mit selbstgebauten Raketen einen dünnen Draht über die Hochspannungsleitungen zu schießen, um Kurzschlüsse auszulösen. Allein in Sachsen wurden nach Behördenangaben inzwischen 21 solcher Vorrichtungen sichergestellt, weitere Vorfälle gab es im brandenburgischen Jänschwalde und im rheinischen Bergheim.
Die Kölner Polizei hatte am frühen Nachmittag Hinweise auf eine „verdächtige Person“ am Kraftwerksgelände erhalten. Parallel lief ein Großeinsatz im Bergischen Land: Zwischen Remscheid-Lüttringhausen und Wuppertal-Ronsdorf kreiste ein Hubschrauber, nachdem an einem Umspannwerk ein Mann mit Rucksack gemeldet worden war. „Ob es sich um den Gesuchten handelt, wissen wir erst, wenn wir die Person antreffen. Das ist bisher nicht passiert“, zitiert t-online einen Wuppertaler Polizeisprecher.
Gesucht wird seit Samstag ein 48-Jähriger aus Gevelsberg im Ennepe-Ruhr-Kreis. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung fanden Beamte am Freitag Sprengstoff, danach stürmte ein Spezialeinsatzkommando einen zum Wohnmobil umgebauten Lkw am Hambacher Tagebau in Niederzier. Angetroffen wurde der Verdächtige dort nicht. Auch eine tagelange Suche am Hambacher Forst mit bis zu 100 Einsatzfahrzeugen blieb erfolglos.
Die in den Bekennerschreiben offenbarten Kenntnisse sind ein klares Indiz für Täterwissen.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bezeichnete die Angriffe am Wochenende gegenüber mehreren Medien als „Klimaterrorismus“ durch einen Einzeltäter. Grundlage sind zwei Bekennerschreiben, die bei Redaktionen und der Deutschen Presse-Agentur eingegangen sind. Die vom Bundeskriminalamt geführte 60-köpfige Ermittlungsgruppe wertet nach Angaben der Bundesregierung Materialien aus der Wohnung des Verdächtigen aus, um weitere Tatorte zu identifizieren.
Weitere Ziele, unklare Schäden
Neben Weisweiler zählen die Ermittler inzwischen Vorfälle in Bergheim (mehrere Blöcke eines Kohlekraftwerks vorübergehend ausser Betrieb), in Wesel (durchtrennter Zaun eines Umspannwerks) und im brandenburgischen Jänschwalde zu den mutmasslichen Anschlagsversuchen. In Berlin fiel am Sonntag ein Umspannwerk aus, rund 90 Ampeln waren zwischenzeitlich ohne Strom; die Bundespolizei geht dort nach ersten Ergebnissen von einem technischen Defekt aus, ein Zusammenhang mit der Serie sei aber nicht abschliessend ausgeschlossen.
Für die Betreiber der betroffenen Trassen, unter anderem RWE und Amprion, sind die Angriffe ein Warnsignal in einer politisch sensiblen Phase: Am Sonntag hatte die AfD in Sachsen-Anhalt die Landtagswahl gewonnen, die Diskussion um Kohleausstieg und Braunkohleplanungssicherheit läuft parallel weiter. Die Ermittler halten sich zu politischen Motiven bislang bedeckt und verweisen ausschliesslich auf die Bekennerschreiben, deren Wortlaut nicht veröffentlicht wurde. Bis Montagabend war der 48-Jährige weiter flüchtig.