Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) hat Reden und Gastbeiträge in weiten Teilen von Künstlicher Intelligenz schreiben lassen. Eine Recherche der „Zeit“ weist nach, dass ein im April im Handelsblatt erschienener Gastbeitrag des Ministers zu 99,3 Prozent von einem Chatbot stammt. Eine Rede vor dem Atlantic Council in Washington im Juli 2024 sei vollständig KI-generiert, mehrere Auftritte im Bundestag in größerem Umfang.

Die Befunde basieren auf der Detektionssoftware Pangram, die Texte auf typische Marker maschineller Schreibmuster prüft. Neben dem Handelsblatt-Beitrag identifizierte sie auch einen Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom März als überwiegend KI-erstellt; das Portal Apollo News berichtet von einem Anteil von 78 Prozent. Pangram nennt als Marker häufige Gedankenstriche und Dreiklänge im Satzbau, etwa die Wendung „ohne Umwege über Vertrieb, Angebote oder langwierige Abstimmungen“.

Inhaltlich vertraten die Texte zentrale Botschaften der Digitalpolitik Wildbergers. Der Handelsblatt-Beitrag warnte vor einer Abhängigkeit Deutschlands von ausländischen KI-Systemen. „Eine Nation, die von der KI einer anderen abhängig ist, importiert nicht nur ein Produkt“, heißt es darin, „sie importiert eine Zielfunktion, ein Weltbild, ein Wertesystem“. Der Satz, so der Befund von Pangram, dürfte selbst maschinell entstanden sein.

Eine Nation, die von der KI einer anderen abhängig ist, importiert nicht nur ein Produkt. Sie importiert eine Zielfunktion, ein Weltbild, ein Wertesystem.
- Karsten Wildberger, Handelsblatt-Gastbeitrag (Pangram-Analyse: 99,3 Prozent KI-Anteil)

Wildbergers Ministerium verteidigte den Einsatz auf Anfrage des Tagesspiegels. „Minister Wildberger nutzt es als Unterstützung, weil er überzeugt ist, dass Deutschland den produktiven und zugleich maßvollen Umgang mit KI schnell lernen muss“, erklärte ein Sprecher. KI sei ein „unterstützendes Arbeitsmittel“, vergleichbar mit Recherchedatenbanken; vor jeder Verwendung müsse „ein Mensch prüfen, ändern und entscheiden“. Eine Offenlegung gegenüber den Redaktionen von Handelsblatt und FAS sei nicht erfolgt, weil der Minister die Software nicht als gesondert auszuweisendes Werkzeug betrachte.

Der Fall Voigt als Vorgeschichte

Wildberger ist nicht der erste CDU-Politiker, der sich für KI-Reden rechtfertigen muss. Im Frühjahr hatte das Portal „Frag den Staat“ nachgewiesen, dass auch Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt mehrere Texte in großem Umfang von Sprachmodellen erstellen ließ, darunter einen Gastbeitrag in der „Welt“ und eine Rede in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Voigt hatte den Einsatz öffentlich verteidigt und KI als „Werkzeug“ für politische Arbeit bezeichnet.

Für die Bundesregierung ist die Recherche heikel. Wildberger, vor seinem Wechsel in die Politik Vorstandschef der MediaMarktSaturn-Mutter Ceconomy, wurde am 6. Mai 2025 als erster Minister für das neu geschaffene Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung vereidigt. Sein erklärtes Ziel ist, Deutschland im digitalen Wettbewerb anschlussfähig zu machen. Dass ausgerechnet der für KI zuständige Ressortchef seine wichtigsten öffentlichen Äußerungen weitgehend automatisiert verfassen lässt, ohne das gegenüber Lesern und Plenum auszuweisen, dürfte die Debatte um Transparenz, Urheberschaft und Ministerverantwortung in den kommenden Tagen prägen.